Das Gänseblümchen und die Sonne
Es war einmal ein Gänseblümchen. Das wuchs auf einer großen Wiese mit sattgrünem Gras. Es war jung und fröhlich und ein wenig frech zu den anderen Pflanzen. Ein wenig leichtsinnig zu weilen.
Der fruchtbare Boden nährte es, der Regen löschte seinen Durst und der Wind war sein Spielkamerade. Wenn er zu wehen begann, lehnte es sich gegen ihn und ließ sich die Luft um die Blütenblätter pfeifen. Es bog sich , so dass es den Blümchen um sie vom Zuschauen fast schwindlig wurde. Besonders im Sommer erfreute es sich ihres Lebens. Wenn die Bienen es bezirzten, ihm schmeichelten und seine Stempel streichelten. Das Gänseblümchen streckte dann sein Blütenköpfchen der Sonne entgegen, nahm die Sonnenstrahlen auf und fühlte sich kräftig werden. Ihm war wohl und es scherzte mit der Sonne, ulkte mit ihr und war frech. Die Sonne, alt und erfahren, mit dem Gemüt einer Königin, schien weiter auf die Erde nieder und blickte großmütterlich auf das kleine, freche Gänseblümchen. Sie hatte schon soviel erlebt, Gewitter, Regen und Schnee. Sie hatte schon so viele Tage die Erde erwärmt, dass eine kleine, freche Blume, sie nicht weiter aus der Ruhe bringen konnte.
Es kam aber, dass das Gänseblümchen immer ungezogener wurde und eines Tages rief es der Sonne zu:“Du bist so langweilig. Du stehst auf, scheinst den ganzen Tag und gehst dann wieder zu Bett. Jeden Tag das Selbe und Sonnenfinsternisse gibt es auch nur alle 100 Jahre. Das ist so langweilig.“
Aufmüpfig ärgerte sie die Sonne:“ Deine Strahlen werden immer schwächer. Bald schmilzt nicht mal mehr der Schnee im Frühjahr.“
Die Sonne hatte sich schon viel von der kleinen Blume angehört, aber jetzt ärgerte sie sich wirklich. Was fiel diesem kleinen Pflänzchen ein. Sie erwärmte die ganze Erde. Sie gab Wärme für den Tag, Licht für unzählige Pflanzen und war so kräftig, dass man sich ihr nicht nähern konnte. Man würde verbrennen. So entschied sie sich dem kleinen Pflänzchen eine Lektion zu erteilen.
Es wurde Herbst und es wurde Winter. Als das Gänseblümchen sodann auf die Wärme der Sonne wartete, drehte sich diese ab und schien nicht. Die Blume also begann zu frieren und frohr schließlich gänzlich ein. Es war nun eingeschlossen in einen Block aus Eis, durch den ihre Blätter leuchteten. So war sie lange Zeit eingeschlossen. Kein Wind konnte sich ihr nähern und die Sonne schien für sie nicht. Das Gänseblümchen wurde traurig und wollte die Sonne um Verzeihung bitten, aber da war das Eis. Seine Fröhlichkeit und Frechheit wurden zu einer Traurigkeit, die alles ausweglos erscheinen ließ. Es war sehr enttäuscht. Es fühlte sich so schwach und spürte gänzlich die Kraft verlieren, eingeschlossen im Eis. Als ein junges Mädchen über die Wiese gehüpft kam. Sie summte ein fröhliches Liedchen vor sich hin. Sie war sehr verliebt und auf der Suche nach einem Gänseblümchen, denn sie wollte an dessen Blütenblättern die Gefühle ihres Liebsten abzählen. Da fiel ihr Blick auf den Eisblock. Darin das eingeschlossene Pflänzchen. Es war ein ganz und gar schöner Anblick. Das Mädchen nahm das Gänseblümchen im Eis in die Hände und hielt es der Sonne entgegen. Als nun die Strahlen durch das kalte Eis leuchteten, bekam das Blümchen neue Kraft. Das Licht fiel auf ihre schwache Blüte und das Blümchen spürte sich wachsen. Es dehnte sich und hob kräftig sein Köpfchen. Wie die Sonnenstrahlen ihm neuen Mut machten, nahm es die ganze Kraft zusammen, streckte sich und der Eisblock um sie zersprang. Er zerbrach in 1000 Stücke und das Gänseblümchen hatte seine Freiheit zurück. Es war sehr froh und jubelte. Es bat die Sonne um Verzeihung und nahm sich vor nie wieder so ungezogen zu sein. Das Mädchen legte sodann das Blümchen zurück in die Wiese, fröhlich über dieses wundervolle Geschehnis und lief zurück zu ihrem Geliebten, ihm davon zu berichten. Das Gänseblümchen blühte noch so manchen Sommer, genoß das Leben, doch es war nie wieder frech zur Sonne.